i

Die Zukunft des offenen Designs

Der freie Austausch definiert die Kategorien des Designs neu: Ist dies aber eine echte Innovation?

Hier die 1-Millionen-Euro-Frage: Wie können wir qualitativ definieren, was Design ist? Ich glaube, dass ein Design als Mechanismus verstanden werden kann, den wir nutzen, um unsere alltägliche Umgebung mit Objekten auszustatten, die durch unsere Systeme und Ideologien verändert wurden. Ein Design ist eine ästhetische Sprache, deren Wesen in der Kultur begründet ist, eine Reihe technischer und konzeptioneller Prinzipien, die durch kulturell geprägte Denkweisen verändert wurden und durch Institutionen und Fachleute verbreitet werden. Jedoch ist ein Design allen voran ein verflochtenes Netz aus zwischenmenschlichen Beziehungen: vom Designer zum Hersteller, von der Fabrik zum Lieferanten, vom Geschäft zum Kunden und so weiter.

In letzter Zeit trat eine Unterkategorie des Designs immer weiter in den Vordergrund unserer modernen Kultur und gewann unsere Aufmerksamkeit: ein Phänomen mit dem Namen Offenes Design. Obwohl es keine neue Erfindung ist, hat das offene Design einen bedeutenden Stellenwert erreicht und die Aufmerksamkeit der Pop-Kultur erweckt. Das offene Design ist eine gesellschaftlich akzeptierte Praxis, bei der der Informationsaustausch uneingeschränkt ist. Dies stellt die traditionellen Konzepte von Urheberrechten, Logistik, Vertriebsmechanismen und die zunehmende Personalisierung von Produkten für den Endabnehmer in Frage. Diese Konzepte müssen neu definiert werden, um die komplexen und tiefgreifenden Veränderungen sowie deren potentielle Auswirkungen auf das alltägliche Leben verstehen zu können, die das offene Design den traditionellen Verfahren aufzwingt.

Wenn wir einen Blick auf die bekannteste Plattform für offenes Design Thingieverse werfen, dann sind die beliebtesten Produkte Spielzeuge, verschiedene Werkzeuge und Fantasiefiguren. Alle Produkte werden von Fachleuten entworfen und hergestellt, die einen akademischen oder designbezogenen Hintergrund vorweisen können. Die meisten Inhalte bestehen aus obskuren mechanischen Bauteilen und Smartphone-Zubehör, was weder einem akribischen akademischen Test standhalten würde, noch als irgendetwas anderes angesehen werden könnte als eine Kuriosität. Nur auf Grundlage dieser Beobachtungen ist es schwer vorstellbar, dass dieses Phänomen (momentan) mehr ist als eine Hobbyplattform für Verbraucher, auf der begeisterte Fans fachmännische Dateien herunterladen und ausdrucken. Nichtsdestotrotz sollten wir lieber die wahre Natur und die Ehrlichkeit des offenen Designs feiern, auch wenn es nicht, wie von dessen Befürwortern versprochen, die „neue industrielle Revolution“ angestoßen hat. 

Das offene Design verspricht messbar bessere Ergebnisse und Resultate, sowohl praktisch als auch theoretisch. Vielleicht bedeutet offenes Design, dass es zukünftig noch mehr personalisierte Produkte und dezentralisierte Produktion gibt, was den Bedarf nach Lagerhaltung und Versand reduziert. Vielleicht werden kosteneffizientere Produktionsverfahren dafür sorgen, dass Design einer größeren Zahl an Menschen zugänglich gemacht wird (Können Sie Ikea überbieten?) und dass die Verbraucher als Nutzer miteingebunden werden, sodass diese anschließend zu gebildeten und gut informierten Unterstützern der Bewegung werden. Für mich ist das offene Design ein überzeugender Vertreter des Kulturwandels, der zwangsläufig die aktuellen Designvorstellungen modifizieren oder verändern wird. Aber zumindest sollte es mit einem eigenen Zweig am Baum des Designs seinen rechtmäßigen Platz einnehmen können. 

Es muss eine Abgrenzung getroffen werden zwischen dem offenen Design mit gegenständlichen Objekten und dem offenen Design in der digitalen Technologie. Wenn gegenständliche Objekte frei im Internet ausgetauscht werden, dann werden eigentlich die Betriebsanleitungen oder 3D-druckbare Dateien geteilt. Ganz im Gegenteil. Der Digital Designer, der Shareware- oder Freeware-Produkte anbietet, bietet die fertige Arbeit selbst an. Man könnte also durchaus behaupten, dass der digitale Austausch eher geeignet ist für das Konzept des offenen Designs als für den Austausch gegenständlicher Objekte.

Schaut man auf die Geschichte des offenen Designs mit gegenständlichen Objekten, muss man zugeben, dass es kein brandneues Konzept ist. Bevor der digitale Austausch überhaupt denkbar gewesen ist, existierte das offene Design mit gegenständlichen Objekten bereits mehrere Jahrhunderte. Dies war hauptsächlich der Austausch von Informationen über Herstellung von Industriemaschinerie, was durch strenge Urheberrechte unterbunden wurde. Ein bedeutendes Beispiel ist Enzo Mari‘s Autoprogettazione. Dieser Leitfaden, der vor 40 Jahren von dem italienischen Designer konzipiert wurde, beschreibt die Herstellung einfacher Holzmöbel mit Hilfe von gewöhnlichen Holzbalken. Ironischerweise werden diese Kreationen nicht als Meilensteine des offenen Designs gefeiert, sondern gelten als Design-Ikone eines berühmten Designers. Inwiefern sollten diese Objekte für Ihre Korrelation mit Offenheit geschätzt werden? Ist deren ikonischer Wert wichtiger als die beabsichtigte Ideologie, die hinter dem Objekt steht?

Obwohl das offene Design lebensverändernde Neuerungen verspricht, und über dieses Potential verfügt es zweifellos, bleiben die Ergebnisse in großem Umfang noch aus. Das offene Design ist auf ein alternatives Wirtschaftsmodell ausgerichtet, aber die Erschaffer müssen sich ihren Lebensunterhalt durch gewöhnliche Designjobs verdienen. Darüber hinaus will ein Großteil der Verbraucher den Ärger umgehen, der mit dem Selbstbauen von Möbeln und Gerätschaften verbunden ist. Es scheint nicht auszureichen, die notwendigen Anleitungen einfach nur verfügbar zu haben.
Ein selbstständiger Designer und Hersteller einzigartiger, handgefertigter Objekte könnte den Eindruck bekommen, dass ich das offene Design nicht als eine gute Sache betrachte. Ganz im Gegenteil. Die Bewegung sollte gefeiert werden, jedoch sollte auch ehrliche Kritik nicht fehlen. Wir müssen die Amateure, die mit deren unausgegorenen Konzepten ein visuelles Chaos verursachen und die von ihnen produzierten Müllberge akzeptieren. Dies scheint der einzige Weg für das offene Design: Man sollte es nicht als intellektuelle Alternative für das gewöhnliche Designmodell präsentieren, sondern vielmehr seine Existenz als primäre Kraft begründen, mit der das Design in den Händen einer Person bleiben kann.

Verwandte Inhalte

top

Wunschliste

Sie müssen angemeldet sein, um Produkte zur Wunschliste hinzuzufügen.

Anmelden

Bitte wählen Sie ein anderes Produkt aus

Vergleichen

Produkte vergleichen

Sie können maximal 3 Produkte vergleichen. Bitte entfernen Sie ein Produkt, bevor Sie ein weiteres hinzufügen.